Die Legende der weißen Schlange
geschrieben von Lin Jun am 11. Februar 2013
Die Legende über die weiße Schlange gehört in China zu einer der ältesten und beliebtesten Volkssagen.
Im tiefen West Lake lebt die weiße Schlange, nach tausend Jahren des disziplinierten Übens schaffte sie es, sich der irdischen Form der Schlange zu entäußern und sich in eine schöne Frau zu verwandeln. Sie nannte sich Suzhen. Auch die grüne Schlange, ihre Freundin, folgte ihr, verwandelte sich zu ihrer Zofe, nannte sich Xiaoqing, die kleine Grüne.
Suzhen verliebte sich in Xu Xian, einen angehenden Mediziner. Auf der gebrochenen Brücke zauberte Suzhen einen Regen her, lieh sich den Schirm von Xu Xian und initiierte somit die Bekanntschaft mit ihm. Bald verfiel Xu Xian dem Charme der schönen weißen Schlange und heiratete sie, zusammen bauten sie eine eigene Apotheke auf, behandelten die Patienten, arme Leute bekamen von ihnen oft die Medizin geschenkt. Alle gingen sie in dem Familienglück auf.
In dem Jinshan Kloster weilte ein Mönch Fahai mit virtuosen Fähigkeiten. Fahai witterte den Geruch der Schlangen, machte Suzhen ausfindig und warnte Xu Xian bei Gelegenheit, dass er einen Schlangendämon geheiratet hatte. Xu Xian konnte es nicht glauben. Also lauerte Fahai auf seine Chance.
Die Chance kam am Drachenbootfest, an dem viele Familien zur Feier Realgarschnaps tranken. Fahai wies Xu Xian an, Suzhen diesen Unheilstrunk anzubieten, wohlwissend, dass die Schlangen es nicht vertrugen. Es kam wie erwartet: Suzhen wurde betrunken und wandelte sich zurück zu einer großen weißen Schlange, bei deren Anblick Xu Xian zu Tode erschrak.
Als Suzhen wieder nüchtern wurde, fand sie Xu Xians Leiche vor sich. Sie ließ Xiaoqing auf Xu Xian aufpassen und brach zum Kunlun Berg auf. Auf dem Gipfel des Kunlun Berges wuchs der göttliche Pilz, der die Kraft besitzt, Tote wieder zum Leben zu erwecken, der jedoch von einem Kranich bewacht wird. Nach hartem Kampf stahl Suzhen den Pilz und holte Xu Xian wieder zurück ins Leben.
Fahai, mittlerweile erbost über Suzhens Hartnäckigkeit, entführte Xu Xian zum Jinshan Kloster und sperrte ihn dort ein. Mit ihrer überirdischen Kraft beschworen Suzhen und Xiaoqing ein Hochwasser, das das Kloster überflutete, zugleich aber auch viele Reisfelder zerstörte und vielen das Leben kostete. Der Himmelskaiser erfuhr davon, schritt ein, ließ Suzhen zu einer kleinen Schlange schrumpfen und unter dem Turm Leifeng am West Lake für immer einsperren.
Wir Chinesen stehen auf Happy End. So heißt es in vielen neuen Versionen, dass Suzhen für Xu Xian einen Jungen geboren hatte, der Sohn später die Nummer 1 bei der staatlichen Prüfung belegte und die Mutter aus dem Turm rettete. Das zeigt, wie beliebt Suzhen, die weiße Schlange, bei den normalen Sterblichen ist. Für sie ist Suzhen eine schöne, herzliche Medizinerin.
Im Jahr 1924 stürzte der Turm Leifeng ein, woraufhin Luxun, unser große Literat, einen Artikel darüber verfasste. Als ich ins Gymnasium ging, war der Artikel im Chinesisch-Lehrbuch. Ein Satz prägte sich mir bis heute ein: „Die weiße Schlange war vernarrt in Xu Xian, Xu Xian selbst heiratete die Schlange, was geht das irgendjemand anderen etwas an?
Moyans Geburtshaus wird Touristenattraktion
geschrieben von Lin Jun am 21. November 2012
Mo Yan, der chinesische Schriftsteller, stammt aus einem armen Dorf in der Provinz Shandong. Dort steht auch sein Geburtshaus, ein karger Lehmbau mit fünf Räumen, eng, staubig und vollgestopft mit obsoleten Gegenständen, so ärmlich wie alle anderen umstehenden Hütten.
Plötzlich hat sich die Situation geändert. Seit der Bekanntgabe, dass Mo Yan den diesjährigen Literaturnobelpreis bekommt, säumen rote Laternen die Dorfstraßen, die Brücke, die zum Dorfeingang führt, wird neu lackiert, die Inschriften sorgfältig vergoldet. Eine Reihe blauer Schilder weisen den Touristen den Weg zu Mo Yans Geburtshaus.
„Mein Geschäft läuft sogar besser als beim Frühlingsfest, täglich fahre ich Touristen zu Mo Yans Geburtshaus“, freut sich ein Taxifahrer. Es ist zur Touristenattraktion geworden.
Da Mo Yan in einem der ersten Romane über die kristallenen Rettiche schrieb, sind die Bäume und Rettiche rundum das Haus in die Mitleidenschaft gezogen, werden von den Touristen gnadenlos ausgerottet und mitgenommen, sogar das Gras im Hof bleibt nicht davon verschont. Die Touristen zupfen die Baumblätter ab und beten dabei: „Möge meinem Sohn das Talent von Mo Yan zuteilwerden, möge er es auf die Beijing Universität schaffen!“
Der Bruder von Mo Yan sagte dazu: „Mir ist es peinlich, die Leute davon abzuhalten, weil sie sich sonst das Maul über uns zerreißen.“ Nach seiner Schätzung kommen jetzt täglich ungefähr 200 Touristen zum Geburtshaus von Mo Yan.
Die lokale Regierung hat ein Konzept über den Umbau des Geburtshauses vorgelegt, 500‘000 Yuan möchte man dafür investieren. Herr Guan, Mo Yans neunzigjähriger Vater, weigerte sich bei einem Interview: „Mo Yan kommt aus dem Kornfeld, hat es durch sehr harte Arbeit geschafft. Schon letztes Jahr haben wir einen Umbau abgelehnt, auch dieses Jahr möchten wir es nicht! Das ist uns zu viel Schmeichelei, wir möchten nur eine einfache Renovierung durchführen.“
Man hat ausgerechnet: die Summe von 500‘000 Yuan würde in dem Dorf für eine alleinstehende Villa ausreichen, und wundert sich, welche Umbaumaßnahmen diese Investition rechtfertigen könnten. Geht es dabei nicht um die Authentizität, um das Bewahren der Geschichte Mo Yans?
Mo Yan stammt nun mal aus einer armen Bauernfamilie, warum sollte es beschönigt werden?
So ein luxuriöses Haus würde das alte Geburtshaus gründlich entwerten.
Noch etwas: der Lehmbau gehört jetzt der Familie Guan; falls die Regierung dieses Projekt durchzieht, wie steht es dann um die Eigentumsrechte? Heißt es, die Regierung schenkt der Familie Guan das Geld für den Umbau? Oder hat die Regierung vor, sich das Haus anzueignen? Da dieses nun einen kulturellen Wert erhalten hat, ist der Regierung wohl gut beraten, sich genau zu überlegen, was sie damit erreichen möchte.
Die Regierung sieht ein zusätzliches Tourismusprojekt namens „Zehntausend Mu Kornfelder“
(bezieht sich auf Mo Yans anderen Roman „Das rote Kornfeld“) vor, bietet die brandneue Mo Yan-Route an.
Der Literaturnobelpreisträger ist bereits zur goldenen Gans geworden.
Der 11. 11. - Tag der Singles in China
geschrieben von Lin Jun am 13. November 2012
Der 11. 11., der Tag mit vier einsamen Strichen, wird in China als der Tag der Singles gefeiert: was in den achtziger / neunziger Jahren als die Selbstironie der Studenten anfing und im Zuge der gesellschaftlichen Umwandlung durchgehalten hat, ist heute ein praktisch etabliertes Volksfest – seine Beliebtheit übertrifft Qixi, den chinesischen Valentinstag. Dieses Jahr bescherte der Tag der Singles der chinesischen E-Kommerz gar den Rekordumsatz, bereits am Mittag vom Sonntag 11. 11. Meldete der Online-Markt-Gigant Alibaba den Verkaufswert von 10 Mrd. RMB.
In China leben momentan über 180 Mio. Singles. Eine aktuelle Studie zeigt, dass über 90% der Single-Frauen das „sichere Einkommen“ des Mannes voraussetzen, damit das Heiraten überhaupt in Frage kommt; über 70% der Chinesinnen sind der Meinung, der künftige Ehemann müsse eine Eigentumswohnung haben. 57% der befragten Frauen leben nach dem Motto „lieber gut verheiraten als gut arbeiten“.
Kein Wunder, dass sich die männlichen Singles zähneknirschend ins virtuelle Kaufen stürzen, um den Kummer zu lindern. Aber auch nur an dem einen Tag, am Tag der Singles. Zu hoch ist der Überlebensdruck, noch höher – nicht der Hormonendruck, sondern der Druck von den Eltern, schnellstens den Status eines verheirateten Mannes zu erlangen und die Hürden dafür zu nehmen. Viele werden gezwungenermaßen Workaholics, heiraten immer später.
Eine IT-Firma in Chongqing kam auf die Idee, ihren jungen Mitarbeitern die „Liebesprämie“ anzubieten: verlieben sich zwei eigene Mitarbeiter ineinander, so bekommen sie jeweils eine Liebesprämie von 1112 RMB; und der Arbeitgeber setzt eine interne Feier drauf. Aber die Mitarbeiter dürfen sich auch nach außen richten, d.h. sich mit jungen Angestellten der Nachbarfirmen anfreunden, in dem Fall bekommen sie einen zusätzlichen Bonus zwischen 500-1000 RMB, der genaue Betrag wird verlost.
In China essen sie Hunde
geschrieben von Lin Jun am 16. Oktober 2012
- Ein paar Gedanken über Mo Yan und Liao Yiwu
Seit der Bekanntgabe, dass Mo Yan, der chinesische Schriftsteller, den diesjährigen Literaturnobelpreis bekommt, kommt es in Deutschland nicht zur Ruhe, auch nicht in China, auch nicht bei den Übersee-Chinesen.
Eine Freundin rief mich an und fragte mich, warum ich nichts darüber schreiben möchte.
Ich sagte, es sei bereits alles geschrieben, was Neues könne ich da noch hinzufügen?
Es stimmt auch, ich fühle mich eigentlich wortlos, genau wie der Künstlername von Mo Yan – sprachlos, wortlos, habe nichts zu sagen, lieber schweigen.
Dann lese ich in der Zeitung über die deutsche Preisverleihung an Liao Yiwu, über seinen Wutausbruch, dass er brüllte, China solle auseinanderbrechen. Plötzlich kamen mir die Tränen in die Augen. So möchte ich doch ein paar Zeilen niederschreiben.
Wenn ich mich über Mo Yan äußere, dann komme ich nicht drum herum, eine der drei Positionen zu beziehen:
- Er hat den Nobelpreis nicht verdient, da er ein Feigling, ein Parteimitglied ist.
- Er ist ein wunderbarer Schriftsteller, der sich durch seine Qualität durchsetzt, und dank seiner Schlauheit muss er nicht ins Gefängnis wandern wie Liu Xiaobo oder Liao Yiwu; schließlich ist keiner verpflichtet, ein Held zu werden.
- Er ist weder ein guter Schriftsteller noch ein Kämpfer.
Ich gebe zu, dass ich eigentlich zu der Position Nr. 2 neige. Denn Held kann nicht jeder werden, überleben müssen wir alle. Warum sollte Mo Yan auf ein normales Leben, währenddessen er weitere Bücher schreiben kann, verzichten? Hat er denn nicht genug in seinen Werken das System kritisiert?
Es ist ein Dilemma, ein chinesischer Schriftsteller zu sein, der in China seinem Schreiben nachgeht. Denn alles, was man schreibt, ist politisch; Und wenn man für seine Werke einen internationalen Preis bekommt, wird alles genauso politisch interpretiert, inklusiv den Schreibenden.
Es ist zugleich ein Glück, ein chinesischer Schriftsteller zu sein. Ohne das endlose Leiden des chinesischen Volkes, die Kette der Kriege, das Blutvergießen, die wiederkehrende Konfrontation mit dem Leben und Tod, ohne die beispiellose Kulturrevolution und die damit zusammenhängenden Zerstörungen und selbst verursachten Katastrophen… hätte es den Schriftsteller Mo Yan nicht gegeben - auch nicht eine ganze Reihe hervorragender chinesischen Schriftsteller, die ihre seelischen Trümmerfelder festhalten. Und solche Werke berühren alle Menschen der Welt.
Ich freue mich für Mo Yan, dass er den Preis gewonnen hat. Schon als Kind habe ich seine Werke gelesen und sie schockierten mich. Später verstehe ich, dass es daher rührte, dass wir dasselbe chinesische Schicksal teilen.
Ich freue mich auch für Liao Yiwu, dass ihm die Anerkennung zuteil geworden ist.
Für seine verzweifelten Schreie bezieht er im Internet Prügel von den Chinesen, die ihn als Han Jian beschimpfen – Verräter der Han-Chinesen, überhaupt das schlimmste Schimpfwort, das sich ein Chinese vorstellen kann!
Die beste Art, einen Chinesen mundtot zu machen, ist, ihn zu fragen: „Bist du noch ein Chinese?“
Denn wenn man ein Chinese ist, darf man nicht über China schimpfen. Schimpft man über China, ist man disqualifiziert und ausgeschlossen von den stolzen Chinesen.
Ich frage mich: Welche seelische Verletzungen muss Liao Yiwu über sich ergehen haben lassen, dass er auf solche brutale, schonungslose Art über das Mutterland herzieht? – und so sentimental wie ich bin, werden meine Augen nass, mein Blickfeld verschwommen.
Möchten wir mehr Liao Yiwu haben? Oder geben wir uns zufrieden mit einem gesunden Schriftsteller Mo Yan?
Ich habe mal einen dänischen (glaube ich) Film „In China essen sie Hunde“ gesehen. Der Film hat überhaupt keinen Bezug zu China, noch weniger zu den Hundefleisch essenden Chinesen, doch trägt er den komischen Titel. Ich glaube, es geht dem Regisseur um die Realität.
Welche Realität?
Starbucks (doch nicht?) im LingYin Tempel
geschrieben von Lin Jun am 26. September 2012
Am 21. September sorgte eine Weibo-Nachricht bei den chinesischen Internetnutzern für Furore, diese behauptete: „Morgen öffnet Starbucks LingYin-Tempel-Shop in Hangzhou die Pforten…“
Der besagte LingYin Tempel, am schönen, malerischen West Lake in Hangzhou gelegen, zählt zu den wichtigsten buddhistischen Tempeln Chinas. Neben der prächtigen, traditionsreichen Tempelanlage ist er von schönen Sagen und historischen Heldenfiguren umwoben, zieht zugleich die religiösen Buddhisten und die gebildeten Kulturpilger an.
„Aha, mit dem Aroma des Weihrauches vermengt sich jetzt der Kaffeeduft, das klingt richtig … kommerziell“, das Internet wurde binnen kurzer Zeit überflutet von Bedauern, Wut und Spott.
Viele erinnerten sich an einen früheren Versuch der amerikanischen Coffee-Shop-Kette, in der Verbotenen Stadt eine Filiale zu etablieren – und vor dem Ansturm der Proteste schließlich diese wundervolle Idee aufgeben musste. Daraufhin spotteten manche Blogger: „Klar, der Laden schafft es nicht in die Kaiserstadt, also übt er jetzt mit der „leeren Tür“ (ein buddhistischer Ausdruck für den Tempel).“
Eiligst meldete sich die Verwaltung des LingYin-Tempels, um dieses Missverständnis aus der Welt zu schaffen. „Die Filiale befindet sich in der Service-Zone des Tempels, genauer gesagt vor dem Eingang zu einem Touristen-Parkplatz; ein Kilometer trennt den Laden vom Tempel“, so die Verwaltung, „die Lage ist eigentlich nicht so toll, deshalb wurden am 22. bei der Eröffnung noch Aktionen gestartet, Geschenke verteilt, um mehr Gäste anzulocken“.
Außerdem hat die Verwaltung Starbucks aufgefordert, diese Filiale als „Starbucks LingYin Tempel Service-Zone“ zu bezeichnen, anstatt wie bis jetzt „Starbucks LingYin Tempel“. In der Service-Zone hatten sich bereits KFC, Restaurantketten und Supermärkte niedergelassen, da darf sich Starbucks ruhig anschließen.
Gar die mächtige Renmin Ribao hat sich eingemischt, auf deren Weibo schreibt sie folgendes: „Darf Starbucks sich im LingYin Tempel niederlassen? Wenn ja, werden wir in der Zukunft sowohl mit dem „Zen-Tee“ als auch mit dem „Zen-Kaffee“ zu tun bekommen? Wenn Starbucks es nicht darf, gestatten wir es vielleicht Shangdao Cafe (eine chinesische/taiwanesische Cafe-Kette)? Die Frage ist: regen wir uns über die Kommerzialisierung des Buddhismus auf, oder sind wir über den rücksichtslosen Kulturimperialismus der Amerikaner empört? Im französischen Louvre oder im Buckingham Palast gibt es keinen Starbucks, weil es dort gar keine solchen kommerziellen Läden gibt. So betrachtet kann man wohl sagen, dass diese Unruhe rund um Starbucks LingYin-Tempel in der Tat woanders angesiedelt ist?“
Die Kommerzialisierung des QiXi
geschrieben von Lin Jun am 27. August 2012
Qi Xi, der 7. Tag des 7. Monats nach dem chinesischen Mondkalender, ist dieses Jahr auf den gestrigen 23. August gefallen.
Dieses Fest ist auf eine schöne Legende zurückzuführen: die Göttin Zhi Nü, Tochter des Himmelskaisers, verliebte sich in Niu Lang, einen armen, ehrlichen Bauerssohn. Sie heirateten und führten ein glückliches Eheleben nach der Wunschvorstellung der autarken Bauernwirtschaft: Sie webte, er bestellte den Acker. Doch das Glück währte nicht lange, sehr bald wurde Zhi Nü von ihrem erbosten Vater ausfindig gemacht und zum Himmelspalast zurückgeholt. Verzweifelt rannte Niu Lang der von den Soldaten eskortierten Zhi Nü nach in den weiten Himmel, die beiden Kinder in den Bambuskörbern tragend. Doch die (böse) Mutter von Zhi Nü schritt ein, indem sie ihre Haarnadel schwang und vor Niu Lang einen Strom hervorzauberte, breit, bauschend, so dass Niu Lang unmöglich weiter gehen konnte. Dieser Strom ist nach unserer Saga die heutige Milchstraße, das Hindernis der großen Liebe.
Später lenkte die Mutter ein, jedes Jahr durften sich die Liebenden einmal treffen, nämlich an dem 7. Tag des 7. Monats. Und die liebevollen Elster sammeln sich jedes Jahr an dem Tag an der Milchstraße, um eine Brücke für sie zu bilden. Somit entsteht auch das Wort „Que Qiao“ – Elsterbrücke.
Wenn eine Heiratsvermittlerin tätig ist, nennt sie ihren Auftrag als „Da Que Qiao“ – Elsterbrücke bilden.
So schön das alles auch klingen mag, so ein wichtiges Fest war Qi-Xi in Chinas stoischer Strenge nie. In meiner Heimat waschen die Frauen sich am Qi-Xi die Haare, es heißt, so bleiben die Haare ewig schwarz und glatt. Also nennen wir das Fest auch den „Haarwaschtag“.
Doch seit letztem Jahr ist es plötzlich laut geworden: der chinesische Valentinstag ist das Qi-Xi! Unisono werben die Kaufhäuser, die Online-Läden für die Erhaltung der ewigen Liebe, mit der freundlichen Unterstützung von Zeitungen und Frauenzeitschriften.
Und was geschieht? Die Preise für Rosen schießen hoch, Schokolade verkauft sich prächtig, Restaurants freuen sich über die herein flatternden Reservierungen, Kinosäle füllen sich, Luxuswaren, die sich als Geschenk eignen, wie z. B. Kleidung, Parfüm, Schmuck, SmartPhones, etc. ... erfreuen sich hoher Nachfrage.
Sogar die Eisdielen mischen sich ein, sie verkaufen die süße Liebe.
„Es ist unglaublich“, beschwert sich ein niedergeschlagener junger Mann, „am 14. Februar musste ich meiner Freundin ein Geschenk machen, klar, Valentinstag; am 14. März musste ich wieder „bluten“, da dieser wohl der weiße Valentinstag sei und nun kommt auch noch Qi-Xi. Ich fürchte, ich erliege bald dem Aderlass.“
Experten sehen das mit gemischten Gefühlen. „Immerhin wird das Qi-Xi, das traditionelle Fest Chinas, wieder ein Teil unseres Lebens. Es geht darum, es weiterzuleben, denn es ist doch ein Teil unserer alten Kultur. Andererseits ist nicht zu leugnen, dass es von der Kommerz missbraucht wird, und das ist sehr bedauerlich“, so Chen Jing, ein Experte für Chinesische Völkerkunde.
Yesterday Once more
geschrieben von Lin Jun am 15. Januar 2011
Am Freitagabend ging ich mit ihm zu einem Sommerfest.
Es fand in einem gepachteten Schrebergarten ausserhalb der Stadt statt, geplant war das Grillen, wofür wir selbst Meeresfrüchtespiesse zu Hause vorbereiteten.
Es war viel schöner als erwartet. Diese Grillplatte hing über einem Lagerfeuer, sah original aus. An den Bäumen hingen kleine Lampionen, David und Mike präsentierten Live Musik mit nur zwei Gitarren als Instrumenten. Sie sassen auf einer alten Bank unter einem grossen Baum, wir alle rundum unter vielen Bäumen und Lampionen.
Die ganze Schönheit kam zur Geltung, als es dunkel wurde.
Um das Lagerfeuer sprangen die kleinen Jungs herum wie eine Schwarm junger Hasen, sie blickten ernst oder auch belustigt ins Feuer, das Feuer wärmte ihre Gesichter.
Mike und David stimmten Hotel California an, ich konnte mich nicht zurückhalten, stand auf von der Bank, schwankte, hüpfte nach dem Rythmus. Dabei schwieg ich, ich blickte in mich hinein und manchmal zu den Kindern, zum Feuer hinüber.
Ich sah auch die Lampionen wie viele gelbe Monde zwischen den Ästen.
„Such a lovely day, such a lovely face...“
Es gab zwei englische Songs, die meine beschissene Jugend prägten. Das eine war Hotel California, das Andere Brian Adam’s 1969.
Sie schafften es immer, Bilder vor meinen Augen hervorzurufen: Sonne, Rock & Roll, verschwitzte T-Shirts, junge Muskel... und verzweifelte, verzweifelte Suche.
Dennoch steckte hinter dieser Melancholie ein gewisses Etwas, das einen zum Weiterleben ermutigt, das den Wind durch die Haare fahren lässt.
„Hotel California...“
Die Kinder plapperten fast kaum bemerkbar. Doch ich merkte das. Ich konnte meinen Blick nicht von dem Lagerfeuer ablenken. Hatte ich nicht schon einmal ein Lagerfeuer gehabt?
Dann kehrten die Erinnerungen zurück wie ein lange vergessener Freund, sein Lächeln lässt die alten jungen Tage wiedererstehen.
ICH HATTE EINMAL IM LEBEN EIN LAGERFEUER GEHABT, AN EINEM FERNEN STRAND, IN EINEM FERNEN ALTER.
Ich dachte, ich hätte sie längst versiegelt. Aber ich lag falsch.
Nicht nur ich, sondern zumindest zwei andere Leute denken auch daran. Es hat sich bestätigt, vor ein paar Tagen, auf dem Forum.
Im Geist deckte ich die Augen zu.
Sie sangen weiter, „You can check out anytime, but you can never leave...“
Ich weiß, ich weiß. Es dauerte so lange, bis ich es verstand.
Liebesgedicht
geschrieben von Lin Jun am 15. Januar 2011
Da sind deine Lippen.
Kalt ist meine Nasenspitze
Sowie die Herbstnacht.
Es gibt noch Sterne
Es gibt noch die See.
Lunyu Studie 1
geschrieben von Lin Jun am 29. November 2010
子曰:“学而时习之,不亦悦乎?有朋自远方来,不亦乐乎?人不知而不愠,不亦君子乎?”
Der Meister sprach: »Lernen und fortwährend üben: Ist das denn nicht auch befriedigend? Freunde haben, die aus fernen Gegenden kommen: Ist das nicht auch fröhlich? Wenn die Menschen einen nicht erkennen, doch nicht murren: Ist das nicht auch edel?« (Übersetzung von Richard Wilhelm)
Konfuzius übte den Beruf Lehrer aus, deshalb fängt das Buch gleich mit der Freude beim Lernen an. Dies war einer der wenigen Zitate, die wir in der Schule lernen durften, um uns zum fleißigen Lernen zu ermutigen.
Es gibt tatsächlich Leute, die aus dem Lernen ihren Spaß schöpfen. Davon bin ich überzeugt; die Schüler von Konfuzius zählten sicher dazu.
Ein anderer wichtiger Grund könnte sein, dass Konfuzius ein guter Lehrer war.
Ein Edler wird schlußendlich wahre Freunde aus der Ferne bekommen.
Der Edle ärgert sich nicht, wenn er nicht verstanden wird.
Frauenarzt
geschrieben von Lin Jun am 19. Oktober 2010
Wie geht ´s meiner Gebärmutter? Den Eileitern?
Was machen meine Brüste?
Alles in Ordnung? Ja, wirklich?
Das Bild auf dem Monitor. Zeigen Sie mir ein Ackerland? Ackerland in mir. Da.
Möglichkeiten und Wirklichkeiten
geschrieben von Lin Jun am 13. Oktober 2010
Plötzlich merke ich mir diese beiden Wörter, die könnten viel bedeuten.
Die Möglichkeit, die Wirklichkeit.
Welche ist wichtiger, aufregender? Oder die Mischung aus ihnen?
Das Sterben der Jugend
geschrieben von Lin Jun am 14. September 2010
Ich schreibe über das Sterben der Jugend.
Ich sehe die Jugend eingerahmt, glitzernd, die Schönheit in allen Farben und Stimmen und Tänzen zerstreut, nur im Traum im Rückblick auf die Gipfel erklommen, zu viel und zu schwer und zu offensichtlich.
Nichts haben wir damals verstanden, die wir damals, mit gebundenen Augen auf der Suche nach Lichtquellen.
Heimat
geschrieben von Lin Jun am 10. September 2010
Wenn sich der Wind aufzieht, und eine elegante Drehung vollführt. Wie Meereswellen in der Ferne.
Wenn spazieren gehe mit dem Schatten, und Sonne, Bäume, graue Straßen, Autos vorbeiziehen. Das Durchdringen ausbleibt.
Dann die unbegrenzte Traurigkeit, unmögliches Wirrwarr, ob Erinnerungen oder Sehnsüchte.
Liebe in der „Liebe in den Zeiten der Cholera“
geschrieben von Lin Jun am 9. August 2010
Das Buch erwarb ich in einem Secondhand-Buchladen, im guten Zustand war es, als ich es in die Hand nahm.
Auf der inneren Umschlagseite hatte jemand hin gekritzelt:
„Sept. 91
… Nur für dich!!“
Unbehaglich blätterte ich im Buch, als wäre ich nicht wissend in eine Tabuzone eingetreten, die nur für das eine Liebespaar vorgesehen war.
Schönes Buch, fremde, exotische, duftende Sprache, wie man von Garcia Marquez erwarten sollte. Dennoch ließ mich der Gedanke an diese Widmung nicht los.
Ich habe die Gewohnheit, Postkarten oder die kostenlose Eventkarten, die man im Cafe in der Auslage vorfindet, als Lesezeichen zu benutzen. Beim Anfangen jedes Buches lege ich eine gewisse Karte hinein, die ich, nachdem ich das Buch fertig gelesen habe, auch weiter drin lasse.
Deshalb nahm ich die Karte in diesem Buch in die Hand, und wollte sie gedankenlos hinten einlegen. Da fiel mir auf, dass diese Karte mir fremd vorkam.
Ich stellte fest, diese sei weder eine Postkarte noch die kostenlose Werbekarte.
Sondern eine, die man in der Buchhandlung kauft, und auf deren Rückseite ein kurzer Brief, mit Kugelschreiber geschrieben, eindeutig von derselben Person, die die Widmung geschrieben hatte.
Ganze ohne moralisches Bedenken überflog ich den Brief und kam zu der Schlussfolgerung, dass der (die) Beschenkte im September 1991 krank war, als er (sie) das Buch von der (dem) Geliebten bekam. Natürlich könnte ich mich irren und es sich dabei um ein gleichgeschlechtliches Paar handeln.
Auf jeden Fall, nach allen mir unbekannten, dir unbekannten, höchst wahrscheinlich von den beiden Betroffenen bereits vergessenen Ereignissen, ist dieser Liebesbrief in der Liebe in den Zeiten der Cholera auf der Strecke geblieben.
Plötzlich verging mir die Lust. Das Buch las ich nur zur Hälfte.
Ich bin Hong Kong
geschrieben von Lin Jun am 22. Juli 2010
Im Fernsehen zeigen sie wieder eine Reportage über Hong Kong, die Bilder flimmern über allen Köpfen, Mythos Hong Kong. Die Straßen von Menschen gefüllt, der Himmel von den Neonlicht-Reklamen; Omas, die mit dem Bambuskorb am Ellbogen auf den Markt gehen; Office Ladies in schicken Kostümen; Containerhafen, Kräne und Börse; Pferderennen und Garküchen.
Fremdartig, reizend, als verströmte es einen mir vertrauten Geruch des Lebens. Das chinesische Leben hat einen eigensinnigen Geruch. Obwohl Hong Kong keine typische chinesische Stadt ist, erweckt dieser Geruch den tiefsten Schmerz eines Menschen, das Heimweh.
Hong Kong trägt das Heimweh in sich, Hong Kong ist der Begriff des Heimwehs.
Nicht Shanghai, nicht Beijing, sondern Hong Kong.
Vielleicht weil ich wie Hong Kong eine abgesonderte Insel geworden bin.
Bücher, noch mehr Bücher
geschrieben von Lin Jun am 19. Juli 2010
Bücher auf meinem Tisch, in der Tasche, neben dem Kopfkissen, die darauf warten, gelesen zu werden.
Jede Seite, vom Anfang bis Ende. Jedes von ihnen ein rätselhafter Pfad.
Manchmal frage ich mich, wozu noch mehr Bücher aus dem Nichts dazu zaubern, ob nicht alles Nachfolgende eine einzige Selbstbeweihräucherung ist?
Gegenseitige Beleidigung
geschrieben von Lin Jun am 14. Juli 2010
Ich bin oft hier gewesen, ich meine, so ungefähr zehnmal im letzten Monat? Jedenfalls betrachte ich mich als Stammgast, dem es zusteht, den Kellern freundlich zuzulächeln, und auf ihre „Na wie geht´s“ zählt. Ja, ich erwarte, dass sie es mir sagen.
Und ich kenne diese Kellnerin, diese Hübsche mit schwarzen Haaren und einem Hexennase. Sie jedoch bringt es fertig, mich wie eine Fremde anzustarren, den Körper eine steife Pose einnehmend. Zugleich entdeckt mein Blick eine Narbe an ihrer linken Gesichtshälfte, nah am Haaransatz entlang schlängelnd, die aber zum ihrem Glück dieselbe Farbe angenommen hat wie ihre Haut, so dass man sie nicht auf Anhieb sieht. Jedoch, auf dem zweiten Blick, ja, eindeutig. Nicht zu übersehen.
Ich bin bestürzt und möchte mein Mitgefühl aussprechen, „eine Narbe?“
Sie guckt, als hätte sie mich nicht verstanden, die Lippen zusammen pressend.
Ich wiederhole mich, den Finger auf das eigene Gesicht zeigend, „was ist passiert?“
Sie gibt nach, oder sie hat erst meine Frage verstanden, „ich habe einen Unfall gehabt.“ Ein Ton, als spräche sie über jemanden Anderen, dessen Unfall und dessen frische Narbe.
Sie muss es gut verarbeitet haben. Denke ich.
„Einen großen Milchkaffee hätte ich gern“, sage ich schließlich, das breite Lächeln nicht vergessend. Sie dreht sich um und verschwindet. Ihr straffer Rücken wie ein von dem Beleidigtsein aufgeblähtes Segel.
Und mein Beleidigtsein ist geheilt, ich lehne mich zurück, warte auf die erste Tasse Kaffee des Tages.
Alte Häuser, neue Häuser
geschrieben von Lin Jun am 13. Juli 2010
Ich lebe in einem Viertel, in dem es einige Altbauten gibt, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Die Flut der neuen Gebäude schleicht von allen Seiten heran, umso mehr fallen mir die alten Häuser auf. Sie fallen durch die hohen, bogenförmigen, manchmal auch rechteckigen Fenster auf, die sich einem majestätisch vordrängen.
Die neuen Häuser dagegen haben blasse, in sich gekehrte Fensterläden.
Früher hoben wir Menschen uns von der Natur hervor, in der Freude gemischt mit dem Staunen, sie endlich besiegen und beherrschen zu können. Heute lassen wir uns in der Natur hinschmelzen, möchten mit ihr eins werden. Denn wir wissen, dass sie zurückschlagen könnten.
Cafe Aspekt 2
geschrieben von Lin Jun am 7. Juli 2010
Das Pärchen
Das Pärchen fällt mir auf, weil sie mir auffällt, genauer gesagt, ihre Perlenkette am Hals.
Perlenkette am Hals, dann blicke ich ihre Perlenohrringe an, dann rückt ihr rechtes Handgelenkt hinter der stehenden Menükarte und dem Ecke des Brotkörbchen hervor, zu einem Winkel, dass ich ihre Hand nicht sehen kann, wohl aber ihr Perlenarmband.
In der blass schimmernden Farbe, die, wenn wir uns Perlen vorstellen, uns gleich in den Sinn kommt. Gibt es ein Wort Perlenfarbe?
Das Set, Geburtstagsgeschenk von der Mutter? Großmutter?
Andere Studentinnen, junge Mädchen tragen am Hals nichts, oder eine billige Modekette aus irgendeinem dunklen, hellen Metall, Plastik, in der Form der Münzen und Haken, kuschelig am hundertprozentigen Baumwollen-T-Shirt anliegend, oder provozierend in der Luft glitzernd, vermutlich von der Theke von H&M oder Orsay hinübergereicht. Nichts unterstreicht mehr diese rücksichtslose Jugend.
Dann nehme ich den Essbegleiter der Perlenkette in Visier.
Ein dürrer Junge, eingepackt in einem hellgrünen Hemd, dessen Schnitt den eindeutigen Stempel der Generation der ehemaligen Besitzer des Perlensets aufgedrückt bekommen hat. Seitenscheitel, die Haare sehen so aus, als wäre er direkt vom Friseur durch einen windstillen Tunnel hierher geschleust worden. Und die unentbehrliche Brille, natürlich. Dieses ebenmäßige Erscheinungsbild erinnert mich an die kleine Seife, die im Bad des Hotelzimmers neben dem Wasserhahn liegt.
Und diese Kurzhose bis über den Knie, schwarz, als hätte man einer normalen Anzugshose die untere Hälfte abgeschnitten und die Ränder rasch eingenäht. Nicht olivengrün, nicht khakimäßig, keine Jeans. Keine solche mit zerbeulten Seitentaschen und verblichenen Nähten, in die man die Hände stecken und dabei den eigenen Körper lockern kann.
Kein Wunder, dass sie ein Paar sind.
Sie essen konzentriert, bedienen Messer und Gabel mit einer ernsten Hingabe, setzen die Augen mit ein; Bagels werden aufgeschnitten, Frischkäse aufgetragen, dann dunkelrote Marmelade darauf gestrichen. Sie sitzen mit dem Rücken zu dem Bächli, bilden eine geschlossene Welt. In der Beharrlichkeit klammern sie sich an den Eltern fest, wachsen ineinander hinein zu den neuen Eltern.
Cafe Aspekt 1
geschrieben von Lin Jun am 7. Juli 2010
Das beliebte Studentencafe. Neben dem Büffeln, Büchern gibt es diesen Platz, am Tor der Uni wachend und wartend, wo diese jungen Körper ihre überflüssige Zeit und Energie und Lust zum Plaudern in der heiteren Sonne hinschmelzen lassen.
Nein, es riecht nicht klassisch nach dem Kaffee, es ist kein Cafe der verrauchten, betagten Literaten. Sondern es herrscht hier eine klirrende, abkühlend wirkende Flüssigkeit, die man zu sich nimmt. Klar, sprudelnd, hier und da ein Hauch des Grüns (Limette) oder des Orange das Zierfarbe, so dass gleich der Durst über einen hereinbricht, und die Freude aufgeht, während die Markise ausgefahren wird.
Die Tische und Stühle werden noch enger zusammengerückt, um mehr Leute unterzubringen; und keine Sitzmöglichkeit bleibt länger als fünf Minuten unbesetzt. Gewiss, an den Tischen, an denen nur ein einzelner Gast sitzt, fällt einem sofort die Lücke auf, die sonst in der Lage wäre, mehr Körper aufzunehmen. Schuldbewusst werden Rucksäcke, Zeitungen oder Mappen hingelegt, damit diese ungewollte, einsame Luft bedeckt wird.
Sekundäres Gefühl
geschrieben von Lin Jun am 4. Juli 2010
See. Seerosen, weiße und lila, verstreut auf grünen, runden, am Rand oft vergilbten Blättern, und dunkles, schattiges Wasser dazwischen.
Schön, sagte ich, so schön wie Monets Bild.
Das sekundäre Empfinden. Vom Maler lernte ich die Natur kennen, vom Film die Liebe, von Büchern das Leben. Ich muss über mich selbst lachen.
Lieblingsschriftsteller
geschrieben von Lin Jun am 1. Juli 2010
Ich bejubele John Updike, immer wieder.
Als spräche er mit mir beim Lesen, und er ist zutreffend, haargenau, gnadenlos.
Mir ist plötzlich klar geworden, dass ich mich von der Vorliebe zur Schönheit trennen muss. Unbedingt!
Was bleibt danach? Die Realität.
Rhodos 3
geschrieben von Lin Jun am 29. Juni 2010
Das Meer und Demokratie
Wir machten einen Ausflug zur Ausgrabungsstätte der antiken Stadt Kamiros.
Gelegen an der südwestlichen Küste von Rhodos, gebaut auf einem Hügel, alle Häuser mit Meeresblick – soweit die Grundrisse erkennen lassen.
Ich stellte mich in den Schatten eines Baums, schaute auf das azurblaue Wasser.
Blau, blau, blau, bis es meinen Augen weh tat. Solches Blau, solche Weite. Das ägäische Meer, führt zum Mittelmeer, noch weiter der Lockruf des Atlantiks, noch weiter der Kontinent Amerika.
Das Wasser fließt, ist dynamisch, anpassend, verlockend, und es bereitet weite, sehr weite Aussicht.
Es erweitert das Herz, den Horizont.
Ich fühlte mich wie ein Philosoph, der nichts dachte.
Ende neunziger des letzten Jahrhunderts gab es in China eine einflussreiche Dokumentarserie „He Shang“, übersetzt wie „Trauer um den Tod des Flusses“, die direkt mit dem Studentenaufstand zu tun hatten und bald danach verboten wurden. Die These war, dass die Griechen vom Meer aus ihre ozeanische, offensive, progressive Kultur schafften, während wir Chinesen am Gelben Fluss die rückständige, konservative, bäuerliche Agrarkultur gründeten; und die Schlussfolgerung war, dass die gelbe (braune?) Agrarkultur der blauen Ozeankultur erliegen würde.
Ich möchte nicht darüber urteilen, so klug bin ich nicht. Ich stand nur da, schaute wie ein griechischer Philosoph.
Rhodos 2
geschrieben von Lin Jun am 28. Juni 2010
Zwei Hochkulturen zur selben Zeit?
Was mir auch aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass Griechenland um 500 B.C. die kulturelle Hochblüte erlebte, da die schönsten, feinsten Vasen und Weinkrüge und Marmorstatuen von dieser Zeit stammte. Unsere Reiseführerin von TUI bestätigte es ebenfalls, dass die Demokratie von einem Herrscher gegründet wurde, der auch eine Hetäre heiratete.
Interessant ist aber, dass es in China um diese Zeit dasselbe passierte. Um diese Zeit war der Kaiser der Zhou Dynastie bereits geschwächt, verlor die Kontrolle über die Fürsten, die wiederum unter sich um die zentrale Macht kämpften und viele Kriege ausführten. Daraufhin bildete sich die erste geistige Hochblütezeit der chinesischen Kultur (soweit schriftlich überliefert), bei der Konfuzius, Laotse, Mo Zi als die wichtigsten Vertreter bis heute die chinesische Denkweise zutiefst prägten.
Sicher wussten sie damals nichts voneinander, lebten jeweils vor sich hin, philosophierten und legten die Grundsteine für zwei geschichtsträchtige Völker.
Zu gern würde ich eine Zeitreise unternehmen, dann eine Kreuzfahrt vom Gelben Fluss zum Ägäischen Meer, um ihnen zu lauschen.
Rhodos 1
geschrieben von Lin Jun am 28. Juni 2010
Ein Museumsbesuch
Am Mittwoch, 23. Juni besuchte ich das archäologische Museum in Rhodos.
Als Chinesin fällt mir schwer, von irgendeinem Museum richtig beeindruckt zu werden, vielleicht mit der Ausnahme von dem Ägyptischen Nationalmuseum in Kairo. Von klein auf lernten wir solche Chroniken, die weit, noch weiter zurückliegen, Zahlen wie 2000 B.C. oder so, die meine Fähigkeit des Staunens wie ein Gummibändchen solange ausdehnten, bis es schlaff wurde.
Zeitangaben wie 13. Jahrhundert A.D. lösten bei mir das Achselzucken aus, ebenfalls die kurz nach B.C. Erst als ich in die Kammer ging, die Grabbeigaben von ungefähr dem fünften Jahrhundert B.C. beherbergten, konnte ich mich hin beugen und mir die filigranen Büchsen, Inschriften, Statuen und Vasen anschauen.
Das ist das Problem der Chinesen, ein Volk dem es an Museen mangelt.
Blick
geschrieben von Lin Jun am 8. Juni 2010
Langes pinkfarbenes Kleid. Körper sitzt. Weisser Schnee vergeht nicht.
Trinke deinen Blick, du kleckerst überall. Nicht einfach, alles sauber zu wischen.
Die Musik rollte her. Alle Äste tanzten wie die langen schwarzen Haare. Der Baum schwieg, stand halt. Die gesprochenen Wörter sickerten durch und verschwanden, die Schweisstropfen trockneten aus. Man sah keine Spur.
Solche Spur, als wäre das Meer von der Welle aufgeschlitzt, um gleich zu heilen.
Das Datum 04. Juni
geschrieben von Lin Jun am 4. Juni 2010
Seit einundzwanzig Jahren ist dem heutigen Datum ein sonderbares Gewicht gegeben, das alljährlich wie ein Stolperstein im Weg liegt. Schon wieder?
Ein Datum ist nicht zuverlässig. Wären wir dem Mondkalender treu geblieben, wäre es damals auf einen anderen registrierten Tag, eine andere Reihe der 24 Stunden, gefallen, und der heutige Tage wäre belanglos; und der Stolperstein läge woanders. Oder könnten wir es relativieren: ein angebrochener Tag in China würde in den USA noch in der Zukunft liegen, also hätten wir es, je nach dem Ort, in dem man sich gerade befand, den 3. Juni nennen können.
Man telefonierte miteinander, du bist im Heute, ich noch im Gestern. Man lachte.
Dieses Datum gleicht einem Querschnitt. Alle vorhergegangenen Ereignisse bildeten die Lichtstrahlen. Lichtstrahlen eingefangen, verblasst; Querschnitt vollführt; Beine amputiert.
Anhäufung der Diagnosen; Rollstuhl ist das Urteil; ein humpelndes Leben; der wahre Umriss verwachsen mit den hohen Lehnen.
Nur an dem einen Tag die Lüftung.
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